„Ziel ist es, das Vertrauen der getrennten Eltern so zu stärken, dass freie Umgänge wieder möglich sind.“

Interview mit der Paar- und Familientherapeutin Odete Cortiço

Odete Cortico Odete Cortiço ist Paar- und Familientherapeutin mit Elternberatung und zuständig für Begleiteten Umgang beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften in München

Das Interview führte Dr. Sophie Elixhauser, zuständig für Qualitätssicherung, von der Geschäftsstelle München am 27. April 2020

Was sind deine Aufgaben hier in der Beratungs- und Geschäftsstelle München unseres Verbandes?

Ich bin für den „Begleiteten Umgang“ (BU) zuständig. Jede Woche freitags und samstags finden bei uns Begleitete Umgänge statt, die von mir oder meinem Kollegen durchgeführt werden. Die BUs stehen in Kombination mit Beratungsgesprächen mit den bikulturellen bzw. interkulturellen Eltern – zunächst im Einzelgespräch, dann gemeinsam mit beiden Elternteilen. Ziel ist es, das Vertrauen der getrennten Eltern so zu stärken, dass freie Umgänge wieder möglich sind. Wir führen immer eine Co-Beratung durch, beraten also zu zweit im Team. Ich selbst bin Portugiesin und mein Kollege ist deutsch – wir bilden also die Konstellation Mann/Frau sowie ohne/mit Migrationsbiographie ab.

Wie wirken sich die Ausgangsbeschränkungen durch COVID-19 auf deinen Arbeitsbereich aus?

Wir arbeiten seit Beginn der Einschränkungen von zu Hause aus, sind aber natürlich trotzdem für die Familien da. Wir nehmen die Anrufe nicht direkt in Empfang, sondern rufen alle Anrufer zurück, die eine Nachricht und ihren Kontakt hinterlassen haben. Anfangs haben wir unsere Klient*innen proaktiv wöchentlich angerufen. Als wir gemerkt haben, dass uns der Corona-Virus über einen längeren Zeitraum begleiten wird, haben wir auf Video-Beratungen umgestellt, was sehr gut funktioniert. Die Dokumentation der Gespräche machen wir nun online.

„Viele Eltern sind dankbar für die Möglichkeit, ihre Sorgen mit uns besprechen zu können. Oft wird befürchtet, dass die derzeitige Situation ein längeres Ausbleiben des Umgangs mit dem Kind bzw. den Kindern zur Folge haben wird.“

Was sind die Herausforderungen und Nöte der ratsuchenden Familien in der aktuellen Lage? Wie könnt Ihr die Familien hierbei unterstützen?

Wir beobachten bei den Eltern viele Sorgen um ihre Kinder und den Corona-Virus. Häufig gibt es Probleme mit der weggefallenen Kinderbetreuung, mit beengtem Wohnraum sowie abgesagten Arbeitsmöglichkeiten bzw. finanziellen Schwierigkeiten. Viele Eltern sind dankbar für die Möglichkeit, diese Sorgen mit uns besprechen zu können. Oft wird befürchtet, dass die derzeitige Situation ein längeres Ausbleiben des Umgangs mit dem Kind bzw. den Kindern zur Folge haben wird. Wir geben hier auch rechtliche Informationen und weisen darauf hin, dass der Umgang zwischen Kindern und getrenntlebenden Elternteilen weiterhin erlaubt ist. Wir haben die Eltern ermutigt, Verabredungen für die Kinder mit dem getrenntlebenden Elternteil zu treffen, und halfen bei der Organisation von Telefonaten und Video-Calls. Es gibt auch immer wieder spezielle Situationen: z.B. dass eine Mutter mit ihrem Kind im Frauenhaus wohnt und es dort nicht erlaubt ist, dass die Frau Kontakt mit dem Kindsvater aufnimmt – und so für die Kinder leider auch kein Kontakt möglich ist.

Wie ist die aktuelle Lage der Kinder in der jetzigen Situation?

Viele Kinder langweilen sich zu Hause, da es keine feste Tagesstruktur durch Schule, Hort oder Kita gibt. Oft fehlt auch den Eltern schlichtweg die Zeit für die Betreuung, gerade wenn diese parallel arbeiten müssen. Manche Eltern berichten von Schlafproblemen und zunehmendem Quengeln der Kinder wegen mangelnder Beschäftigung und Bewegung. Mit den größeren Kindern können wir manchmal sprechen, mit den kleineren ist direkter Kontakt jedoch schwierig. Uns fällt auf, dass einige Eltern mit ihren Kindern wenig an die frische Luft gehen. Die Spielplätze sind geschlossen und den Eltern fehlt es zuweilen an leicht realisierbaren Ideen für Aktivitäten im Freien. Auch gibt es Eltern, die extrem ängstlich in Bezug auf den Virus sind und aus diesem Grund die Kinder lieber ausschließlich in der Wohnung betreuen.

„Unsere Unterstützung bei der Vermittlung des Kontaktes zwischen Kindern und dem getrenntem Elternteil klappt immer wieder gut – gerade von den größeren Kindern wird er oft explizit gewünscht.“

Wie haben die Familien auf das Aussetzen des BUs und auf eure Kontakte reagiert?

Die Eltern, die wir begleiten, zeigen viel Verständnis für das Aussetzen des BUs in der aktuellen Situation. Wir beobachten, dass die wöchentliche Kontaktaufnahme durch uns sehr positiv aufgenommen wird. Unsere Unterstützung bei der Vermittlung des Kontaktes zwischen Kindern und dem getrenntem Elternteil klappt immer wieder gut – gerade von den größeren Kindern wird er oft explizit gewünscht. In einem Fall war es beispielsweise durch Unterstützung beider Elternteile möglich, dass der Vater sein Kind nun regelmäßig bei der Mutter besucht. Die anfängliche Scheu des Vaters vor dem Gebrauch der öffentlichen Verkehrsmittel aufgrund der Ansteckungsgefahr des Coronavirus konnte der Vater überwinden, nachdem er merkte, wie groß die Freude über seinen Besuch beim Kind ist.

Seit den Lockerungen vom 24. April kann nun unter bestimmten Auflagen wieder Begleiteter Umgang durchgeführt werden. Wie läuft dieser nun ab?

Wir bekamen letzte Woche zur Wiederaufnahme des BUs eine Orientierungshilfe mit Auflagen zu Hygiene- und Abstandsregeln. Daraufhin gaben wir für die betroffenen Familien ein COVID-19 Merkblatt heraus, das Fragen zu Symptomen, Kontakt mit infizierten Personen usw. beantwortet – dies in deutscher, englischer und spanischer Sprache. Wir vereinbarten umgehend die ersten drei BUs für dieses Wochenende.

Der BU wird durch zahlreiche Maßnahmen für uns und die Familien begleitet. Diese beinhalten natürlich das Tragen eines Mundschutzes. Auch treffen wir uns in der Regel vor unserem Gebäude und desinfizieren uns vor dem Eintreten die Hände. Wenn Situation und Wetter es zulassen, versuchen wir daher, den BU im Freien durchzuführen. Parallel arbeiten wir gerade an Möglichkeiten, wie wir unser Spielzeug vor und nach jedem BU ausreichend desinfizieren können.

Auch bei der Beratung eines Elternteils haben wir schon gute Erfahrungen mit der Methode „Walk & Talk“ gemacht. Ein Spaziergang zu zweit ist unter Einhaltung der Abstandsregelung ja inzwischen wieder erlaubt. Dies eignet sich allerdings nur für die Beratung eines Elternteils, nicht für die Co-Beratung zusammen mit meinem Kollegen. Daher können Face-to-Face-Elternberatungen mit drei, vier oder mehr Personen – z.B. bei Hinzuziehung von Dolmetschern – nur in geschlossenen Räume stattfinden. Hier sind jedoch die Abstandsregeln nur schwer umzusetzen, da uns die geeigneten Räumlichkeiten fehlen.

Die Video-Beratung als Alternative zum persönlichen Gespräch birgt für uns durchaus auch Herausforderungen: Gerade bei so emotionalen Themen kann es schwierig sein, beiden Elternteilen gerecht zu werden. Oft sind auch die Kinder in der Nähe der Eltern und es gibt keine Möglichkeit, sensible Themen in Ruhe zu besprechen.

„Wir haben uns wegen der aktuellen Situation in neue technische Möglichkeiten eingearbeitet – was uns sicher auch zusätzliche Methoden für die Zukunft bringen wird.“

Hast Du auch positive Aspekte bei Deiner Arbeit trotz der Einschränkungen durch Corona festgestellt?

Grundsätzlich fordert die Situation durch COVID-19 eine große Flexibilität und das Austesten verschiedener Optionen, um Eltern und Kinder trotz der Einschränkungen weiterhin gut betreuen zu können. Wir haben uns dadurch aber auch sehr intensiv in neue technische Möglichkeiten eingearbeitet – was uns sicher auch zusätzliche Methoden für die Zukunft bringen wird.